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Bitte nennt mich bei meinen wahren Namen von Thich Naht Hanh

Nach einer langen Meditation habe ich ein Gedicht geschrieben. Darin geht es um drei Personen: ein zwölfjähriges Mädchen, einen Piraten und mich. Können wir uns alle in die Augen sehen und uns im jeweils anderen erkennen? Der Titel des Gedichts lautet „Bitte nenne mich bei meinen wahren Namen“ – weil ich nämlich so viele Namen habe. Wenn ich einen dieser Namen höre, muss ich „Ja“ sagen.

 

Bitte nennt mich bei meinem wahren Namen
Sagt nicht, dass ich morgen abreise –
selbst heute bin ich noch nicht angekommen.

Schaut genau hin: jede Sekunde komme ich,
um eine Knospe an einem Frühlingszweig zu sein,
um ein winziger Vogel zu sein, mit noch zerbrechlichen Flügeln,
der in seinem neuen Nest zu singen lernt,
um eine Raupe im Herzen einer Blume zu sein,
um ein Juwel zu sein, der sich in einem Stein versteckt.

Ich komme, um zu lachen und zu weinen,
zu fürchten und zu hoffen,
der Rhythmus meines Herzens
ist die Geburt und der Tod
alles Lebendigen.

Ich bin die metamorphosierende Eintagsfliege
auf der Wasseroberfläche des Flusses,
und ich bin der Vogel, der, wenn der Frühling kommt,
rechtzeitig ankommt, um die Eintagsfliege zu fressen.

Ich bin der Frosch, der fröhlich schwimmt,
im klaren Wasser eines Teiches.
Und ich bin die Ringelnatter
die sich lautlos vom Frosch ernährt.

Ich bin das Kind in Uganda – nur Haut und Knochen,
meine Beine so dünn wie Bambusstäbe.
Und ich bin der Waffenhändler,
der tödliche Waffen an Uganda verkauft.

Ich bin das zwölfjährige Mädchen,
ein Flüchtling auf einem kleinen Boot.
Und ich bin der Pirat,
mein Herz noch nicht fähig
zu sehen und zu lieben.
Ich bin ein Mitglied des Politbüros,
mit viel Macht in meinen Händen.
Und ich bin der Mann, der wegen der
„Blutschuld“ seines Volkes
langsam in einem Zwangsarbeitslager stirbt.

Meine Freude ist wie der Frühling, so warm
dass er die Blumen auf der ganzen Erde zum Blühen bringt.
Mein Schmerz ist wie ein Fluss aus Tränen,
so groß, dass er die vier Ozeane füllt.

Bitte nennt mich bei meinem wahren Namen,
damit ich alle meine Schreie und mein Lachen auf einmal hören kann,
damit ich sehen kann, dass meine Freude und mein Schmerz eins sind.

Bitte nennt mich bei meinen wahren Namen,
damit ich aufwachen kann
und damit die Tür meines Herzens offen bleiben kann,
die Tür des Mitgefühls.

 

Monatlicher Beitrag des Inspirationsteams der jungen Erwachsenen
Quelle: https://wtf.tw/ref/nhat_hanh.html