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Inspiration Februar 2020

von | Feb 16, 2020 | Lokal

D er König und seine Tochter

 

Im Paradies lebte einst ein König mit seiner Tochter. Ihre Tage verbrachten sie immer in völliger Glückseligkeit: sie kümmerten sich um einander und liebten einander bedingungslos. Der Vater schützte seine Tochter vor allem Bösen und die Tochter versuchte unerbittlich, die Quelle seines Stolzes zu sein. Eines Tages beschloss der König seiner Tochter beizubringen, ihn unter allen Umständen zu lieben, auch wenn sie getrennt wären. Das bedeutete, sie sollte das Paradies verlassen und zur Erde gehen, dort kämpfen, sich anstrengen, fallen und wieder aufstehen und trotzdem genauso voller Liebe sein, wie sie es im Paradies war.

Also kündigte er ihr eines Abends  an, dass er sie bei Sonnenaufgang wegschicken würde. Er hatte einen hohen Turm auf der Erde gebaut, in dem sie leben würde. Sie würde sich nicht daran erinnern, wer sie war und woher sie kam. Er sagte zu ihr, so würden sie lernen einander unter allen Umständen zu lieben. Die Tochter weinte, bettelte und flehte. Der König aber lächelte und sagte: „Es ist das Beste so.“ Am nächsten Morgen wurde sie in den Turm auf der Erde geschickt. Der König war  auch traurig, hatte aber eine Gabe und Fähigkeit, von der er ihr nichts gesagt hatte. Er konnte sie die ganze Zeit hinweg beobachten. Jedes Mal, wenn sie sich auch nur ein wenig schwer tat, sorgte er dafür, dass ihr geholfen wurde.

In ihren ersten Tagen im Turm weinte die Tochter endlos. Schließlich konzentrierte sie ihre Bemühungen auf das Überleben und ließ ihren Instinkten freien Lauf: Wenn sie hungrig war, aß sie und sie ruhte sich aus, wenn sie müde war. Doch jeden Tag, wenn die Sonne schien, erinnerte sie sich an eine warme, goldene Liebe mit einem Mann, der ihr Vater sein könnte und der ihre Hand nie losließ. Sie fragte sich, ob eine solche Liebe jemals real sein könnte. Allein die Wärme dieser schwachen Erinnerung an eine solche Liebe ließ sie nachts mit einem Lächeln auf dem Gesicht schlafen. Jedes Mal, wenn in den Sommermonaten ein durstiger Vogel an ihrem Fenster saß, bot sie ihm Nahrung und Wasser an. Im Winter kümmerte sie sich um die Eichhörnchen, indem sie Nüsse in ihrem Garten legte. Einfache Taten der Freundlichkeit erinnerten sie an die Liebe, die sie irgendwann einmal erlebt zu haben glaubte. Sie hoffte: „Vielleicht erinnert mich eines Tages der Gesang eines Vogels daran, wer ich bin“. 

 

Hundert Jahre vergingen auf diese Weise. Der König seinerseits hatte sie all die Jahre beobachtet. Eines Abends, als sie gerade am Fenster saß und den Sonnenuntergang beobachtete, hörte sie ein Klopfen an der Tür. Als sie auf die Tür zuging und diese öffnete, sah sie den König. In seiner ganzen Pracht und mit einem strahlenden Lächeln sagte er: „Komm, lass uns gehen“. Er schaute ihr in die leeren Augen und wiederholte: „Es ist Zeit zu gehen“. Darauf antwortete das verwirrte Mädchen: „Wer bist du?“ Die Sonne war bereits untergegangen und das Wetter wurde stürmisch. 

Der König lächelte und sagte: „Ich bin dein Vater. Ich habe hundert Jahre lang auf dich gewartet, und meine Liebe zu dir ist noch immer dieselbe wie damals im Paradies. Ich habe beobachtet, dass Du Dich nie beklagt und immer meine Liebe in allen um Dich herum gesucht hast. Damit sind wir am Ende unserer Ausbildung angelangt“.

  Mit einem Blitz vor ihrem Fenster bekam die Tochter donnernd ihr Gedächtnis zurück. Sie erinnerte sich nun an alles.

Auf dem Rückweg fragte sie der König: „Wie hast du das gemacht? Wie hast du unsere Liebe nicht vergessen, obwohl du mich vergessen hast?“

Sie antwortete sanft: „Vater, du hast mir die Erinnerung an Dich genommen, aber den Turm neben einem Sonnenblumenfeld gebaut. Jedes Mal, wenn die Sonne schien, wandten sich die Sonnenblumen und ich ihr zu. An wolkigen Tagen, als ich die Wärme und den Schein der Sonne suchte, beobachtete ich die Sonnenblumen, um zu sehen, was sie tun würden: sie verschwendeten keine Zeit und hatten sich einander zugewandt“.

Sie fuhr fort: „Vater, die größte Lektion in meinem vergesslichen Leben war, immer nach dir zu suchen. Du bist das Licht der Sonne. Du bist in allem, überall und jederzeit. Selbst Du kannst mich das nie vergessen lassen”.

Adaptiert und Modifiziert aus einer Indischen Folklore

 

    

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