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Singing for the Lord – Ein fünfwöchiger Transformationsweg nach Paris

 

Ich saß Schulter an Schulter mit vielen Sai-Geschwistern beim Darshan. Vor uns erhob sich eine schlichte, liebevoll dekorierte Bühne, die auf die Ankunft unseres geliebten Herrn wartete. Ich wusste nicht genau, wo ich war, aber die Strahlen der feinstofflichen Sonne machten die fremde Halle zu einem hellen und vertrauten Ort.

Swami wandelte langsam durch die Menschenmenge. Er lächelte, berührte Hände und nahm geduldig den Strom der Briefe entgegen. Mein freudiges Herz sprang Ihm aufgeregt klopfend wie ein junger Hund entgegen. 

Swami ging auf uns zu und blieb in meiner Nähe stehen. Er heftete Seinen Blick auf mich und signalisierte mir, dass ich zu Ihm nach vorne kommen solle. Ich stand zögernd auf und schob mich zu Ihm durch.

Mein geliebter Meister sah mich sehr bestimmt an:

„Es ist jetzt soweit. Komm mit.“

Ich hatte keine Ahnung, was Er mit mir vorhatte, aber ich folgte Ihm vertrauensvoll und selig, Ihm so nahe sein zu dürfen. Swami sah sich noch einmal suchend um und zog auch meinen Mann Jan aus der Menge. Er zwinkerte ihm belustigt und mit einem vielsagenden Blick auf mich zu: „Du sollst sie begleiten. Das wird jetzt ziemlich anstrengend.“

Titelbild des Musikprogramms für Swami

In diesem Moment wachte ich auf und wusste, dass das wieder einer dieser Träume war. Einer von denen, die mich zwei Wochen im Voraus auf ein kommendes Ereignis vorbereiten sollten.

Und so war es. Punkt zwei Wochen später telefonierte ich mit Bruder Srirangan aus Frankreich. Wir hatten ihm angeboten, bei den Vorbereitungen für Swamis Besuch zu helfen. Ich fragte ihn, wer denn das Musikprogramm macht und ob er uns die Lieder und Akkorde schicken würde, damit wir unsere französischen Freunde etwas unterstützen können. Er antwortete kurz und bestimmt:

You make it. “

„Pardon? I do not understand. “

„You make the music program. “

Diese Antwort raubte mir fast den Atem und mein Verstand fing sofort an zu toben:

„Nein, tu das nicht! Du hast so etwas noch nie gemacht. Du bist kein Profi und hast keinerlei Bühnenerfahrung. Viel mehr als das: Du hast schreckliches Lampenfieber! Es kommen hunderte von Leuten und der Event ist schon in fünf Wochen! Du hast kein Programm und keinen blassen Schimmer, ob Du so schnell Leute findest, die mit Dir nach Paris kommen wollen und auch sofort mit den Proben anfangen können. Du wirst alleine mit Deinem armen Mann, der Deine Verrücktheiten immer mit tragen muss, auf der Bühne stehen und irgendwas Peinliches vor Dich hin summen. Es wird der schlimmste Moment Deines Lebens. Vergiss es!“

Während mein Verstand unaufhörlich plapperte und mir in Windeseile alle Argumente aufzählte, warum ich unbedingt „Nein“ sagen müsste, öffnete sich mein Mund und ich hörte mich laut und deutlich sagen:

„Ja, ich mache es! Ich werde ein internationales Musikprogramm für Paris vorbereiten.“

  Es war mein Herz, das sprach und „Ja!“ sagte.

„Ja, Swami wird sich um alles kümmern. Ja, unsere geliebte göttliche Mutter wird mich beschützen und leiten, so wie sie es in all den Jahrzehnten zuvor getan hat. Ja, Gott liebt dich, egal, ob du perfekt bist oder nicht.

Alles, was du tun musst, ist „Ja“ zu sagen: „Ja, Swami, ich bin bereit. Ich lege Dir mein Herz zu Füßen und vertraue alle Pläne Deiner göttlichen Führung an. Ja, Swami, ich bin Dein Diener.“

In diesem Moment erkannte ich, welche große Veränderung Swami in den letzten Jahrzehnten in mir vollzogen hatte. Er hatte das Wunder vollbracht, mein kleines, ängstliches gebrochenes Herz stärker werden zu lassen als meinen Verstand. Er hatte mich dazu gebracht, an Seine Liebe und Führung zu glauben und daran, dass Er sich um alles kümmert.

Und das tat Er auch. Auf Seine ganz besondere, unverwechselbare Art und Weise.

 

„Not much time. Keep it simple and start. Learn it by doing. Like the last time. “ , hörte ich unaufhörlich in mir. Mit „like the last time“ war sicherlich die Bühnendekoration für Seinen Besuch in Deutschland gemeint. Diese Aufgabe hatte ich auch nur überlebt, weil Swami von Anfang an die Führung übernommen hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Baba übernahm also sofort.

Als erstes stellte Er Seine Musikertruppe zusammen. Entgegen meinen Befürchtungen, fand sich schon in den nächsten Tagen eine kleine, feine Gruppe wundervoller Menschen ein, die zum meinem großen Erstaunen sofort dazu bereit waren, diese Herausforderung anzunehmen und mit ganzem Herzen und ohne zu zögern „Ja!“ sagten.

 

Swamis Band bei einer Probe für Swami

Innerhalb kürzester Zeit gründete sich eine kleine Band, mit der ich starten konnte. Ich war mehr als dankbar für dieses große Geschenk. Neben Jan, sprangen auch meine lieben Freunde Daniel, Paulina und Monika sofort mit ins Boot. Wir fünf hatten schon regelmäßig donnerstags zusammen gesungen. Aber es fehlte im wahrsten Sinne des Wortes noch ein weiteres Instrument. Da ich erst seit einem Jahr Keyboard spielte und daher nur jeden zweiten Ton zuverlässig traf, betete ich inbrünstig zu Swami, uns doch noch einen Gitarristen zu schicken, der die zwischen Jans und meinem Instrument entstehenden Tonlücken füllen könnte.

Kurz darauf bekam ich den Impuls, einen befreundeten Übersetzer aus dem Uvacha-Team anzurufen, von dem ich wusste, dass er nicht zu weit weg wohnte und Gitarre spielte. Eigentlich rechnete ich damit, dass Till immer noch in Indien war oder zumindest Besseres zu tun hatte, als mit mir Bühnengreenhorn ein so großes Experiment zu wagen. Aber er war nicht nur in Deutschland, sondern auch ohne mit der Wimper zu zucken dazu bereit, mit Herz, Stimme und Gitarre nach Paris zu reisen.

Als gute Fee im Hintergrund fand sich noch meine liebe Sai-Sister Dagmar ein, die zwar nicht mitkommen konnte, aber bereit war, mich bei allen aufkommenden Fragen mit ihrer Liebe und Erfahrung zu unterstützen. Ich war für die Tour nach Paris ausgerüstet und startete voller Elan mit dem Aufstieg ins Ungewisse. 

 

 

Jeder, der schon einmal ein Projekt mit Swami gemacht hat, weiß, was die Aussage, dass Er sich um alles kümmern wird, bedeutet. Es heißt nicht, dass Er einen auf einen fliegenden Teppich setzt, der einen über alle Hindernisse hinwegschweben lässt, während Er auf der Erde alles für unsere sanfte Landung vorbereitet. Es heißt auch nicht, dass Er unsere Zweifel und Ängste mit einem Schleier des süßen Vergessens bedeckt und uns alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumt, damit wir ohne einen aufmerksamen Blick auf den steinigen Pfad der Erkenntnis ans Ziel kommen.

 

Nein, es heißt, dass Er sich um Alles kümmert. Wirklich um Alles. Alles bedeutet, dass Er in dem Moment, in dem wir uns Ihm öffnen in jeden noch so geheimen Winkel unseres Herzens sieht. Es bedeutet, dass Er Alles hochholt, was uns daran hindert, sein reines Instrument zu sein. Er fegt mit Seinen Winden durch unsere Körper und durch unseren Geist. Er bläst allen Schmutz aus der Flöte, die für Ihn spielen darf und weiß dabei genau, welchem Sturm wir auf dem Weg der Transformation noch standhalten können und wann Er uns Seine geliebte Hand darreichen muss, um uns zu tragen. Er will, dass wir über unser kleines Ich hinaus wachsen; hinein in Seine strahlende göttliche Liebe.

 

Die folgenden fünf Wochen waren für mich eine turbulente Achterbahnfahrt auf dem Jahrmarkt der Gefühle. Alles, was die Proben, die Auswahl der Lieder, die Arrangements, neue auf Baba abgestimmte Texte und sogar eigene Kompositionen betraf, ging mir leicht von der Hand. Ich konnte mich vollkommen auf Seine Führung verlassen und arbeitete Tag und Nacht an dem Programm. Und auch wenn Swami zu meinem Leidwesen das Fenster zur Intuition oft mitten in der Nacht öffnete, war ich froh und dankbar über die Impulse, die Er schickte.

Seine „Band“ fügte sich in wunderbarer Harmonie zusammen. Wir waren sechs Leute und hatten bis zum sechsten April genau sechs Proben. Wir arbeiteten konzentriert und effektiv. Wir sangen und lachten, aßen Pizza und Prasad und machten innerhalb kürzester Zeit große Fortschritte. Jeder konnte sich in seiner besonderen Einzigartigkeit und mit seinen ureigenen Qualitäten einbringen. Es war eine Freude, dieses intensive Zusammensein und unsere gemeinsame Entwicklung erleben zu dürfen.

Nicht ganz so unbeschwert sah es in meinem Inneren aus.

Vergangene Bilder legten sich wie Nebelschleier über meine Seele. Ich sah mich wieder als Jugendliche, innerlich erstarrt und unfähig zu sprechen, wenn mehr als eine andere Person im Raum war. Ich sah mich mitten während einer Aufführung mit meiner Querflöte aus dem von Lachen erfüllten Klassenzimmer rennen und mich zitternd vor Angst und Scham in der Toilette verstecken. Ich hörte meine Stimme versagen und spürte den Druck in meiner Kehle, wenn ich nur daran dachte, vor vielen Menschen singen zu müssen. Ich sah mich wieder im Bett liegen, krank und jahrelang brach liegend, ohne eine realistische Aussicht darauf, jemals wieder gesund zu werden oder schmerzfrei sprechen, geschweige denn singen zu können. Und ich hörte die nur allzu bekannte Stimme in meinem Kopf, die mir unaufhörlich erzählte, dass ich nicht gut genug und zu schwach wäre und dass ich auf alle Fälle scheitern würde.

Vor mir manifestierte sich eine hohe Mauer aus Furcht und Unsicherheit. Es war dieselbe Mauer, die mir seit Jahrzehnten immer wieder den Weg zur inneren Freiheit versperrte. Swami hatte schon sehr viel an mir gearbeitet, aber es gab immer noch genug Kräfte, die diese Mauer stützten. Drückende Zweifel und uralte Ängste taten sich zusammen und versuchten, mich davon zu überzeugen, dass ich gnadenlos versagen würde. Sie standen wie Wächter vor dem Tor zum Licht.

 

Doch durch den unaufhörlichen Liebesfluss aus der göttlichen Quelle war die Mauer Im Laufe der Jahrzehnte porös geworden. Überall schimmerte das Licht durch. An manchen Stellen hatten sich kleine Risse gebildet, durch die ich in eine helle strahlende Zukunft sehen konnte. Ich sah uns alle am 06. April an Seiner Seite sitzen. Gesegnet und vollkommen geborgen in Seiner Liebe. Dieses Bild schob ich wie ein visuelles Mantra immer wieder vor mein inneres Auge.

Zusätzlich lieferte Baba mir immer zum richtigen Zeitpunkt liebevoll unterstützende Menschen, die mir die passenden Werkzeuge lieferten, um weiter an der Mauer zu kratzen. Es war für mich wie ein Wunder. Ich hatte noch nie so viel Zuspruch und Wertschätzung erfahren. Wenn ich daran denke, treibt es mir immer noch Tränen der Rührung in die Augen.

 

Mir wurde klar, dass Swami mich schon seit langer Zeit auf dieses Ereignis vorbereitet hatte. Für Ihn zu singen und Ihm sogar eigene Kompositionen zu Füßen legen zu dürfen, war ein lang gehegter heimlicher Herzenswunsch von mir gewesen. Er war so geheim, dass ich ihn selbst immer wieder vergessen hatte. Aber Swami wusste davon. Er wusste von meiner tiefen Sehnsucht, für Ihn zu singen und Ihm auf diese Art mein Herz zu Füßen legen zu dürfen.

Diese Sehnsucht trieb uns alle an. Unsere Liebe zu Baba führte uns durch die Proben und verband unsere Herzen wie ein Baumstamm seine Äste. Das Vertrauen wuchs. Es waren nur noch drei Wochen bis zu unserer Abreise. Es ging gut voran und ich betete tagtäglich dafür, dass wir alle gesund und wohlbehalten in Paris ankommen würden.

 

 

In majestätischer Ruhe floss die Seine an den alten ehrwürdigen Häusern vorbei. Im Hintergrund leuchtete das heilige Herz des Montmatres – die Sacre Coeur – im Sonnenschein. Ich genoss voller Freude diesen strahlenden Anblick, als sich plötzlich etwas änderte. Das Bild der Pariser Altstadt verschwamm und legte sich wie ein transparenter Vorhang vor meinen eigenen Körper, der auf einmal in der Mitte der Szenerie aufgetaucht war. Ich sah, wie sich in meinem Inneren ein Eiterherd bildete. Er wuchs in rasender Geschwindigkeit heran und brachte unerträgliche Schmerzen mit sich. Ich musste vollkommen hilflos zusehen, wie mein Körper benommen vor Schmerz zu Boden ging. Plötzlich tauchte aus dem Nichts ein Arzt auf. Er schnitt die Eiterblase auf und ihr Inhalt ergoss sich über den Boden. Dann zog er sehr konzentriert und entschlossen etwas aus der Wunde heraus und verschloss sie mit einem weißen Stopfen. Nach dieser Behandlung floss eine Welle der Erleichterung durch meinen Körper.

 

In diesem Moment wachte ich auf und wusste, dass das wieder einer dieser Träume war. Einer von denen, die mich zwei Wochen im Voraus auf ein kommendes Ereignis vorbereiten sollten.

In drei Wochen war der Auftritt. Ich flehte Swami an, dass Er diesen Kelch, wie auch immer sein Inhalt geartet war, an mir vorüber gehen lassen möge.

Punkt zwei Wochen später biss ich am Freitagmorgen auf ein harmloses Stück Brot. In diesem Moment schien etwas in meinem Mund zu explodieren und ich spürte einen durchdringenden Schmerz im Kiefer. Ich versuchte, nicht weiter darauf zu achten und vertraute darauf, dass er sich wieder beruhigen würde.

Dabei richtete ich meine ganze Konzentration stur auf unsere Generalprobe am kommenden Sonntag. Wir hatten ein paar Freunde als Testpublikum eingeladen. Ich betete zu Swami, dass ein beleidigter Zahn kein weiterer Gast war, der bei dieser letzten möglichen Probe vor unserem Auftritt dabei sein sollte.

Als es am Tag darauf trotzdem nicht besser wurde, drängte mich eine Freundin, zu ihrem Zahnarzt zu fahren, der zufällig an diesem Wochenende Notdienst hatte. Es passte mir überhaupt nicht, aber da die Schmerzen immer schlimmer wurden, nahm ich ihr Angebot dankbar an.

Es stellte sich heraus, dass ein Backenzahn durch den Druck wie ein gespaltener Baumstamm in der Mitte durchgebrochen war. Eines der Fragmente steckte wie ein Nagel im Zahnfleisch. Der Arzt klebte den Zahn notdürftig zusammen und sagte, dass er im Moment nicht mehr machen könne. Ich betete zu Swami, dass ich bis nach Paris durchhalten möge und machte mich wieder an die Arbeit, um die Generalprobe vorzubereiten.

Den nächsten Tag erlebte ich durch einen Nebel von Schmerz. Ich spürte, wie mein Gaumen immer mehr anschwoll und sang am Abend aus vollem Herzen gegen die Angst an, so eine große Möglichkeit wegen eines kleinen Zahns nicht wahrnehmen zu können. Doch der zerbrochene Zahn steckte wie ein Dorn im Fleisch und ich ging wie in dem Traum langsam in die Knie.

Nur Babas Gnade machte es am nächsten Morgen möglich, dass mein vielbeschäftigter Zahnarzt Zeit für mich hatte. Er sagte nach einem kurzen Blick in meinen Mund, dass er noch nie so einen großen Eiterherd um einen Zahn gesehen hatte und dass er ihn sofort rausoperieren müsste. Der Backenzahn sei regelrecht zerbröselt und es würde lange dauern, ihn heraus zu bekommen. Die Aussicht auf eine größere Zahnoperation einen Tag vor unserer Abreise ließ meine Hoffnung auf einen gelungen Auftritt schwinden. Aber ich hatte keine Wahl und legte die nächsten Stunden in Swamis Hände. Seine Hände wirkten Wunder. Wie im Traum öffnete der Arzt die Eiterblase, entfernte Stück für Stück die Fragmente und verschloss die Wunde mit einem weißen Tampon.

Swami hatte mir offensichtlich den Zahn gezogen, dass ich irgendetwas aus meinem eigenen Willen heraus gestalten könnte. Auch, wenn es sehr schmerzhaft war, wusste ich, dass diese Lektion ein großes Gnadengeschenk des Heilers aller Heiler war.

Ich hatte in den letzten Wochen alles mir Mögliche gegeben. Nun lag es an Ihm, zu übernehmen.

Mein Körper ging in den nächsten Tagen im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Zahnfleisch. Trotzdem fuhren wir voller Vertrauen in die göttliche Führung nach Paris. Dort angekommen, erwartete uns die nächste Überraschung.

Die ersten Seiten des Musikprogramms für Swami

Ich hatte für Swami ein Booklet mit all unseren Liedern vorbereitet. Bruder Srirangan hatte es Swami gezeigt, um ihn zu fragen, ob Er mit unserem geplanten Auftritt einverstanden sei. Unser geliebter Herr hatte sich das Programm sehr ausführlich und interessiert angesehen und sich dann in lächelndes Schweigen gehüllt.

Es gab keine Informationen darüber, wann und wie lange wir auftreten dürften. Das ganze Programm des nachmittäglichen Satsangs wurde alle paar Minuten umgestellt. Veden, die gesungen werden sollten, fielen wieder heraus, der Auftritt der Kinder wurde von vorne nach hinten und dann an den Bühnenrand verschoben.

Alles blieb im Unklaren und ich saß mit einer pochenden Wunde am Pariser Stadtrand und übte mich im Vertrauen.

Der Abend vor dem Auftritt brachte meinen persönlichen Tiefpunkt. Wir bekamen die Information, dass wir – wenn überhaupt – nur für 10 Minuten nach den Reden aller Gäste und auch erst nach Swamis Diskurs singen durften. Das war gleichbedeutend mit einer Absage. Denn jeder, der die Abläufe bei Swamis Besuchen kennt, weiß, dass nach Seiner Rede kein Programmpunkt mehr kommt. Er ist der Höhepunkt jeder Veranstaltung und auch gleichzeitig ihr Abschluss.

Wären meine Gefühle in diesem Moment als Farbe sichtbar gewesen, so wäre ich von einem dunklem rotbraunem Mantel umhüllt gewesen, auf dem vereinzelt noch paar goldene Hoffnungsschimmern versprenkelt waren. Ich klammerte mich an diese Hoffnungsschimmer und schrieb eine verzweifelte WhatsApp an den Veranstalter, in der ich meine Sehnsucht und auch den Schmerz der letzten Wochen schilderte. Ich erzählte von unseren Bemühungen, unserer Liebe zu Baba und der Sorge, dass wir, wenn wir nach den Reden eingeteilt würden, nicht die Möglichkeit hätten, unsere Liebe durch die Musik zu Ihm fließen zu lassen.

Bruder Srirangan und unsere französischen Sai-Geschwister bemühten sich so gut es ging, mir diese Sorge abzunehmen und versicherten mir, dass sie alles tun würden, damit wir auftreten könnten. Doch letzten Endes lag natürlich alles in Swamis Hand.

 

 

Am nächsten Morgen wachte ich zum ersten Mal seit Wochen erholt aus einem tiefen Schlaf auf.

Heute war alles möglich. Der Tag war gesegnet. Wir würden in die göttliche Präsenz eintauchen und auch wenn es dazu kommen sollte, dass wir nicht singen würden, so wäre es trotzdem mehr, als Millionen Menschen jemals erleben durften.

Der Sog, den ich immer verspüre, wenn ich in Seine unmittelbare Nähe komme, wurde immer intensiver. Ich wusste, dass wir nichts anderes mehr tun konnten, als für alles bereit zu sein und dem göttlichen Regisseur den Ausgang des Schauspiels zu überlassen.

„Faites vos jeux.“

Als wir an den Veranstaltungsort kamen, wusste ich, dass dies die „fremde Halle“ war, von der ich vor mehr als zwei Monaten geträumt hatte. Unsere Sai-Band traf sich vor Ort. Ich musste den anderen sagen, dass ich leider immer noch nicht wusste, ob und wenn ja, wie lange wir auftreten dürften.

Es war wundervoll, wie alle reagierten. Wir bauten unser Equipment auf, machten den Soundcheck und strickten das halbstündige Programm auf zehn Minuten runter.

Alle waren sich einig, dass schon die letzten Wochen der Proben, des gemeinsamen Singens und Vorbereitens auf diesen Auftritt ein großer Segen gewesen sei. Wir hatten in der Ausrichtung auf die göttliche Präsenz zusammen gefunden und nun waren wir hier. Hinter der Bühne. In Seiner Nähe. Das allein war schon ein großes Geschenk.

Wir ließen alle Erwartungen los; alle Vorstellungen und Pläne. Es genügte, nur hier zu sein. Wir waren dankbar und glücklich – egal, was kommen würde.

„Rien ne va plus.“ Es gab es nichts mehr zu tun. Der Verstand hatte sich vollkommen ausgeschaltet. Er stand nicht mehr im Weg.

Genau das war der Moment, in dem die göttliche Gnade zu fließen begann. Es war, als hätte Swami nur darauf gewartet, dass wir, Seine Kinder, in staunender Erwartungslosigkeit vor Ihm stehen würden, um Seine unendliche Liebe in unsere offenen Herzen fließen lassen zu können.

 

Wir durften hinter der Bühne am Eingang stehen, als Swami in Empfang genommen wurde. Er ging zweimal an uns vorbei und nahm unsere Briefe ab. Er gab uns Seinen direkten Segen in unsere offenen Hände hinein. Als Er an der Frauenseite vorbei ging, berührte Er uns dabei sogar noch mit frisch materialisiertem Vibhuti aus Seiner Hand.

Wir waren selig und vollkommen erfüllt. Alles, was jetzt noch passieren würde, wäre eine weitere Garnierung auf diesem süßen göttlichen Kuchen. Es war nichts weiter nötig.

In dieser Stimmung setzten wir uns mit direktem Blick auf Swami ein paar Meter von Ihm entfernt an den Bühnenrand. Die versammelten Devotees hatten inzwischen den Theatersaal gefüllt und der offizielle Teil hatte begonnen. Wir wussten immer noch nicht, ob wir auftreten würden, hielten uns aber für alle Fälle bereit.

Auf einmal schoss Jan von hinten an mich heran. Er hatte von dem Bühnentechniker erfahren, dass wir in zwei Minuten auftreten sollten. Und nicht nur das; wir dürften eventuell länger als 10 Minuten singen.

Mein Herz jubelte vor Freude! Ich stand auf, nahm mein Booklet und die Rose für Swami und schwebte zusammen mit Jan zu meinem geliebten Herrn und Meister, um Ihm unser Programm zu überreichen. Als ich vor Ihm niederkniete, lächelte Er mich freundlich an und fragte, ob dies unser Programm sei.

„Ja, Swami. All unsere Liebe liegt darin. Dürfen wir für Dich singen?“

Als wäre nie etwas gewesen, sah Er mich aufmunternd an.

„Ja, sing!“

„Dieses Programm, Swami?“

„Ja, sing!“

„Swami. Wir lieben Dich. Bitte singe Du durch uns. Führe uns. “

„Yes. Go!“

Und dann geschah etwas Unglaubliches:

Wir begannen zu spielen und alles um uns herum verschwand. Es waren nur noch wir und Swami da. Es gab keine große Halle, keine Hunderte von Menschen, keine Zweifel, keine Unsicherheit. Die Ängste von Jahrzehnten fielen von mir ab. Swami hatte sie abgewaschen und uns für diesen einen heiligen Moment zu Seinen Instrumenten gemacht. Ich fühlte mich verwundbar wie noch nie und gleichzeitig vollkommen beschützt. Jeder Ton flog wie ein leuchtender Schmetterling von unseren Herzen zu Seinen göttlichen Füßen. Ich dachte nicht darüber nach, ob ich die Töne perfekt traf oder nicht. Ich konnte meinen Blick nicht von Ihm abwenden und versank in der Freude, die wir Ihm offensichtlich machten. 

 

Es war vollkommen klar. Wir müssen nicht perfekt sein, um Ihn lieben zu dürfen. Wir müssen auch nicht perfekt sein, damit Er uns liebt. Wir müssen nur all unsere Liebe von ganzem Herzen zu Ihm fließen lassen und Ihm alles, wirklich alles übergeben. Der Rest geschieht von selbst aus dem Selbst.

Die göttliche Liebe wartet nur darauf, in uns zu fließen und uns zu führen. In jeder Sekunde unseres Lebens können wir diesen Kanal öffnen. Allein unser Herz ist der Schlüssel zum Tor des strahlenden unendlichen Friedens.

Unsere Herzen lagen für diese halbe Stunde in Seiner Hand. Baba ließ uns immer weiter singen. Nach jedem Lied, sah ich Ihn an und wartete auf Sein Zeichen. Er nickte mir immer freundlich lächelnd zu. Wir durften weiter singen. Noch ein Lied und noch ein Lied …

Da wir ja kurz davor unser ganzes Programm auf zehn Minuten umgestellt hatten, war niemals klar, welches Lied als nächstes kommen würde. Ich musste blitzschnell entscheiden und es der Gruppe signalisieren. Jeder war vollkommen präsent und reagierte so schnell wie ein Vogelschwarm, der während des Fluges seine Richtung ändert.

Wir waren viel mehr als die Summe unserer Teile. Wir waren perfekt unperfekt. Hätten wir für uns alleine gespielt, hätte es katastrophal geklungen. So aber waren wir eine Klangeinheit.

Irgendwann gab mir Swami mit einem bedauernden Nicken zu verstehen, dass wir nur noch Zeit für einen weiteren Song hätten.

Wir sangen voller Hingabe:  „In the light of love, we are whole. In the light of love, we are home …“

Damit endete unser Auftritt. Wir waren in das Licht der Liebe getaucht worden. Wir waren zu Hause. Zu Hause bei Ihm – in unserer wahren Heimat.

Als krönenden Abschluss erhörte Swami auch noch mein letztes Gebet. Er ließ uns alle nach vorne kommen, um Padamaskar zu nehmen. Wir durften zu Seinen Füssen sitzen und Er ließ sogar noch Fotos mit uns machen.

  „Very happy. Very happy. Very happy. “

Diese Worte aus Seinem Mund waren und sind der herrliche Klang, der mich nun seit Wochen begleitet.

Wir schwebten von der Bühne zu unseren Plätzen.

Aufgeladen, aufgehoben, gesegnet. Von den darauf folgenden Ansprachen habe ich fast nichts mehr mitbekommen. Mein Herz war übervoll. Es floss in meinen Kopf über und ließ keinen Platz mehr in meinen Ohren übrig, um noch irgendwas Konkretes wahrzunehmen.

Die einzige Botschaft, die durchdrang, war:

Was soll Ich euch noch mehr sagen? Ihr seid alle göttlich. So einfach ist die Wahrheit. Das erzähle Ich euch schon seit Jahrtausenden auf jede erdenkliche Art und Weise. Ihr aber wollt es kompliziert haben und denkt, ihr müsst irgendetwas Besonderes sein oder tun, bis ihr diese Wahrheit begreifen könnt. Dabei ist es ganz einfach.

Alles ist göttlich. Ihr seid göttlich. Glaubt es endlich!

von Katharina Berrenberg

    

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